komme auf den Turm geschwind. Es war ein Spruch der Colditzer, der sich viele Jahre eingebürgert hatte. Doch der Zahn der Zeit nagt an vielen Dingen. Lassen Sie uns zurückschauen; vor 125 Jahren kamen Gutbetuchte aus Leipzig und Chemnitz auf die Idee, auf dem Felssporn nahe Colditz einen Turm errichten zu lassen, der einen Blick auf das wunderschöne Erzgebirgsvorland und die Leipziger Tieflandsbucht möglich macht. Alte Postkarten bezeugen diese Idee; wir leben in einer herrlichen Landschaft. Unter Bürgermeister Müller fand es seitens Colditz Unterstützung; die Formalitäten wurden schnell geklärt und in nur 11 (elf) Wochen Bauzeit entstand der Heimatturm; heute leider durch den Bürokrieg undenkbar. In einem Bericht aus dem Archiv sind nicht nur die Maße des Turmes belegt, sondern auch die Lohnkosten für die ganze Anzahl der Bauschaffenden. Einen Vorteil hatte der Bau durch die reichlich in nächster Nähe befindlichen Steinbrüche. So musste das Material nicht meilenweit herangeschafft werden. Alle Bauarbeiter zeigten ihr berufliches Können; jeder auf seine Art. Etwas anstrengend ist der Aufstieg zum Turmkopf; das ahnte man schon, Im “Treppenhaus” richtete man deshalb ein paar Sitznischen ein; auch für den Fall, dass mal “Gegenverkehr” auf der schmalen Treppe sich einstellen sollte. Auf eine große Gaststube verzichtete man; bei einem Besuch unter blauem Himmel könnte man ja draußen sitzen. Das Gleiche galt für die Küche – es ist nur ein ganz kleines Küchelchen da. Diese Meisterleistung wurde mit einem feiertlichen Festakt am 20. Juli 1901 eingeweiht; eine Perle für die Stadt Colditz. Sie ergänzte das bekannte Ensemble Schloss Colditz mit seinem berühmten Tiergarten. Knapp 2 Jahre später, am 7. Juni 1903, schlug der Blitz ein und hätte den Turm fast zum Einsturz gebracht. Doch man gab nicht auf, reparierte den Schaden wieder. Seitdem ist der Turm jene Stelle, von wo aus man bei schönem Wetter weit über´s Land schauen kann. Rund um den Turm sind die Bäume allerdings immer höher gewachsen, sodass man ihn aus nächster Nähe bald nicht einmal mehr sieht. Trotzdem ist er zu allen Jahreszeiten ein Blickfang für unsere Natur, jene Stelle, wo sich nur wenige km weiter die beiden Flüsse Zwickauer und Freiberger Mulde vereinen. Und Colditzer Bier wurde ja ganz früher vor allem nach England exportiert.
Schaute man vor Jahren vom Turm, hatte man einen kompletten Blick auf das größte und bekannteste Porzellanwerk der DDR für Haushalt- und Hotelgeschirr. Das Kundenklientel war weltweit von der hohen Qualität und seiner Brauchbarkeit für den Alltag überzeugt; eine Meisterleistung der Gestalter und “Porzelliner”, die es fertigten. Dann kam “die Wende” und die Treuhand sorgte dafür, dass es als Konkurenz stillgelegt wurde. Diesen herrlichen Blick von oben hat man nicht mehr; es ist nur noch ein Schutthaufen zu sehen. Die 1400 Beschäftigten fanden schnell in einer ABM einen neuen Job; sie merken es heute an ihrer Rente.
Der Turm hatte trotz Höhen und Tiefen bis jetzt aber keinen Abriss zu befürchten. Als richtige “Gaststätte” kann er nicht genutzt werden; das gibt seine Größe der Räume nicht her und ist somit total vom Wetter abhängig. An eine Version; durch einen separaten Anbau eine richtige Gastronomie zu schaffen, wie man es zum Beispiel auf dem nahen Rochlitzer Berg tat, hat hier noch Keiner gedacht. Ideen sind eben meist auch von Generationen abhängig. Zu Ehren des 800jährigen Jubiläums der Wettiner als unsere Regenten baute man auf den wenige Meter weiter liegenden Lastauer Burgberg einen Aussichtsturm. Im 2. Weltkrieg wurde er zerstört und ist inzwischen nur noch von Insidern in Form herumliegender Felsbrocken zu erkennen. Der Besuch des Colditzer Heimatturmes kann schon anderweitig zu einem Kunststück werden. Bei Veranstaltungen und vor allem schönen Wetter für sein Gefährt einen Parkplatz zu bekommen, ist oft schwierig.
Eine eigenständige, sich selbst tragende Gaststätte zu betreiben, war und ist unter all den Umständen nicht möglich. So hat man mit der Variante vorlieb genommen, den Turm so nebenbei zu bewirtschaften. Trotz dessen wurde diese Version vor allem von den Einheimischen gut angenommen. In den letzten Jahrzehnten blieben die Betreiber nicht immer die gleichen. Die letzte waren Familie Marion und Günter Neumann. Schaute Marion zum Himmel, sah, dass er sich blau färbte, packte sie rucki-zucki ihre Sachen zusammen und ab ging´s zum nahe gelegenen Heimatturm. Das prägte den Satz: Wenn die Fahne weht im Wind, komme auf den Turm geschwind. Der Besuch der kleinen Gaststätte im Freien war äußerst beliebt bei den Colditzern. Es bedurfte keinerlei Vornan- meldungen, man kam eben einfach und war oft angenehm überrascht, wem man da zu einem kleinen Schwatz zufällig traf. All das war eine schöne Möglichkeit, seinen tristen Alltag so nett wie möglich zu verbringen. Der Familie Neumann war der Turm aber regelrecht an´s Herz gewachsen. Vor nunmehr fast 20 Jahren sahen sie im Turm das passende Ambiente für ihre Hochzeitsfeier. Sie versprachen – wir werden alle miteinander unsere Treue halten. Nach 15 Jahren musste Familie Neumann den Betrieb abgeben. Alters- und vor allem gesundheitliche Gründe zwangen sie dazu. So wünschen wir ihnen, dass sie bald genesen. Ein “Dankeschön” für all die vielen geleisteten Stunden, nicht nur zur Bewirtung, sondern auch zur Pflege des ganzen Umfeldes um den Turm herum. Es gab auch manchmal spontane Einsätze, wo Colditzer sich aufmachten, das “Drumherum” um den Heimatturm zu reparieren und in Ordnung zu halten. Sie taten es unbezahlt; ihnen lag das schöne Wahrzeichen von Colditz am Herzen. Doch solche Aktionen gibt es leider nicht ständig. Der den Colditzern bekannte und beliebte Fussweg aus der Lastauer Straße über die Brücke zum Turm ist schon seit Jahren nicht mehr begehbar. Durch einen Pferdeunfall ist die Brücke beschädigt und so rate ich Ihnen dringend; nutzen Sie den Weg durch die Gärten über das Feld zum Turm; der hat sich einge- pilgert. Also – was einst in 11 Wochen geschafft wurde, ist heute in Jahren nicht mehr möglich. Der Ausschuss im Rathaus muss erst tagen, aus welchem Fördertopf die Kohle genommen werden könnte; das kann dauern… Wünschen wir dem Heimatturm weitere 125 schöne Jahre, dass er Wind und Wetter trotzt und eines der schönen Wahrzeichen der Stadt Colditz bleibt. Auf die Fahne im Wind braucht man trotz schönem Wetter nicht unbedingt mehr hoffen – Wetterfrosch Kachelmann hat´s schon vorhergesagt: Das Klima hat sich in Colditz geändert, es weht nun ein ganz anderer Wind.
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