Am gestrigen Freitag fand das letzte Treffen des Colditzer Kaninchenzucht- vereins S 77 Colditz e.V. statt. Nach einer kurzen Rede des Vereinsvorsitzenden Uwe Dost fand die Wahl statt, ob die Vereins- arbeit eingestellt oder weitergeführt werden soll. Die Entscheidung war einstimmig – der Verein verabschiedet sich nach 125 Jahren. Lassen sie uns einen kleinen Rückblick machen.
Am 2. Mai 1901 wurde im Colditzer “Wettiner Hof” der Ornithologen- und Kaninchenzuchtverein gegründet. Doch schon nach einem Jahr trennten sich die Langohren von den Vögeln; jede Fachrichtung ging ihre eigenen Wege. Dann kam der 1. Weltkrieg dazwischen, erschwerte die Vereinsarbeit. Doch 1922 erweckte sie der Terpitzscher Gastwirt Paul Lehmann wieder zum Leben. 1931 stellte man den Verein im Radio vor; für die damalige Zeit eine Sensation. Doch dann kam der 2. Weltkrieg mit seinen bösen Folgen; 1944 erloschte der Verein. Doch in der dann entstandenen DDR lebte die Vereinsarbeit neu auf. Mit der Hasenzucht verknüpfte sich ein Hobby mit der Arbeit, selbst etwas Essbares für den Tisch zu produzieren. Ein von Mutter gebruzelter Hasenbraten mit Kartoffeln und Gemüse aus dem eigenen Garten war das Glanzstück auf der Festtafel. Selbst Anfang der 80er Jahre wurden bei Erwin Große einmal im Monat für die BHG Rochlitz Hasen aufgekauft. In ca. 2 Stunden wurden teils über 300 Hasen aus Privatställen angenommen, gewogen und je nach Gewicht das Geld samt Kleieschein sofort ausgezahlt. Warum bekamen die Züchter mehr, als der Hase, falls man überhaupt einen im Laden fand, dort kostete? Heute kennen wir die Antwort – die mit gutem Futter gemästeten Hasen waren ein Exportschlager nach dem “Westen”; dafür bekam die DDR Westmark. Die Vereinsmitgliedschaft stieg merklich an; sie erreichte sogar über 100 Mitglieder.
Mit der “Wende” kam ein weiterer Aufschwung; die Vereinsarbeit wurde geschätzt und gepflegt. Der S 77 führte nicht nur eigene Veranstal- tungen durch, sondern nahm auch an Ausstellungen teils weit entfernt teil. Es war die Gelegenheit mit Anderen zu fachsimpeln oder Tiere zur Erweiterung der eigenen Zucht zu tauschen oder kaufen. Bei der Siegerehrung der Aussteller noch einen vom Zollwitzer Hasenfreund Eduard Ulrich selbst gefertigten Hasen zu bekommen, schätzte man als “Sonderpreis”. Die Organi- sation und Durchführung einer Ausstellung ist stets mit enormer, tagelanger Arbeit verbunden; die Ausstellungsstücke sind lebende Tiere. Dem S 77 haben dabei gerne Kollegen aus anderen Vereinen wie Böhlen und Großbothen geholfen. Doch jede Spirale hat eine Ende – es fehlte mehr und mehr der Nachwuchs. Vergleicht man die Fotos der Jubiläumsjahre 2006 und 2016 mit dem heutigen, so sprechen sie eine eigene Sprache. Dieser Fakt, die Überalterung der Mitglieder mit fehlendem Nachwuchs führte nun zum Schritt, den Verein S 77 aufzulösen. Uwe Dost gab in der Sitzung auch einen ähnlichen Schritt bekannt; er hatte tags zuvor an einer Sitzung des Muldental-Kreisverbandes teilgenommen. Für den gesundheitlich ausgefallenen Vorsitzenden Matthias Schirmer fand sich kein Nachfolger. Der Kreisverband geht den gleichen Weg wie unser S 77; wird aufgelöst. In beiden Fällen geht ein Stück Kultur den Bach hinunter. Die Jugend hat heute andere Interessen.
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